Nach dem Anschauen von La La Land fällt mir plötzlich ein Zitat von Ludwig Hevesi ein: „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit.“ Um die Einzigartigkeit und Bedeutung dieses Films zu erklären, könnte man es umformulieren, sodass das Wort „Kunst“ durch „Musical“ ersetzt wird. Erstens ist es wahrscheinlich das erste vollwertige Musical, in dem die Handlung in unserer Epoche stattfindet. Zweitens hat der Regisseur und Drehbuchautor Damien Chazelle fast Unmögliches geschafft: Indem er alle Klischees der klassischen Musicals verwendete, hat er den Rahmen der Genrebanalitäten verlassen und einen frischen, inspirierenden und rührenden Film gedreht.

La La Land erzählt von einem arbeitslosen Pianisten und Jazzfan Sebastian, der eigenen Club eröffnen will, und von Mia, die danach strebt, eine berühmte Schauspielerin zu werden. Eigentlich arbeitet sie aber als Barista in einem Café im Kinostudio und besucht immer wieder für sie nicht erfolgreiche Auditions. Um ihre Träume zu verwirklichen, kommen die Protagonisten (natürlich!) nach Los Angeles, wo sie einander zum ersten Mal in einem langen Verkehrsstau von singenden Fahrern treffen (damit fängt der Film an) und sich allmählich verlieben. Auf den ersten Blick ist das eine Liebesgeschichte, aber im Fokus dieses Films liegt tatsächlich der Glaube an die Verwirklichung des Großen Traums und die Bereitschaft, dafür zu opfern.

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Damiel Chazelle und Ryan Gosling auf dem Filmset. Foto: Dale Robinette

Erinnern Sie sich an die berühmtesten Musicals der letzten zwanzig Jahre: Les Misérables verlagert uns nach Frankreich des 19. Jahrhunderts, Ewan McGregor und Nicole Kidman stellen fatale Leidenschaft in Moulin Rouge von la Belle Époque dar, Renée Zellweger und Catherine Zeta-Jones versuchen vom Chicagoer Gefängnis 1920-er auszubrechen, Hairspray und Dreamgirls bringen in 60-e Jahre zurück… Musical ist a priori ein romantisches Genre. Schwung ist seine unabdingbare Komponente. Offensichtlich sind die VertreterInnen der Kinoindustrie mit Remarque einverstanden: Auch unsere Zeit kann nur burschikos sein, alles andere ist unecht. Vielleicht dominieren deshalb Komödien und Thriller mit derbem Humor den Spielplan. Sucht ihr nach Poetik und Romantik? Nur in ausgewählten Kinos. Nein, das ist keine pessimistische Tirade a la „Kinematographie verfällt“, sondern eine Feststellung des Faktums: Heutzutage im Kino ist meistens pragmatisch, kalt, grausam und kann nicht Anspruch darauf erheben, zum Musical zu werden. Kein Wunder, dass seit Jahren kein Studio die Idee von Chazelle verwirklichen will, obwohl das Drehbuch schon 2010 geschrieben wurde.

Sebastian und Mia befinden sich im Hier und Jetzt im territorial-chronologischen Sinne, aber ihre Gedanken sind voller Nostalgie für die Vergangenheit, und zwar für Jazz Age und das „goldene“ Zeitalter Hollywoods. Sie stehen allein gegen die ganze Welt, die „altmodische Traditionalisten“ verachtet und über ihre Naivität spöttelt. Die Einsamkeit des kreativen Menschen, dessen Talent keinen Platz im Rahmen des Schowbusiness findet, wird zum roten Faden des Films. „How are you gonna be a revolutionary, if you’re such a traditionalist?”, belehrt ein Kollege Sebastian und überzeugt ihn, dass klassischer Jazz, als auch diejenigen, die ihn spielen wollen, keine Zukunft haben. Endlich schaffen die Protagonisten es jedoch, ihre Ziele ohne Absage an eigenen Prinzipien zu erreichen. Es scheint eine Illustration des Sprichworts „Wer zuletzt lacht, lacht am besten“ zu sein, aber Chazelle verzichtet auf kanonisches für Musicals, mit dem Zuckerpuder abgestaubten Happyend und gewinnt in solcher Weise für das Genre eine Freiheit von seinen eigenen Stereotypen.

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Filmszene. Quelle: http://www.lalaland.movie/

Die Regisseur und Drehbuchautor von Whiplash (2014) hat mit La La Land Unglaubliches geschafft: Er hat moderne Protagonisten in das moderne Los Angeles in Entourage der Kinoklassik der 30-50-er Jahre hineingestopft. Dabei ist alles, angefangen mit den Kostümen im Retrostil über die Musik- und Tanzszenen, stellt mehr als einfache Anspielungen dar, da diese Elemente in perfekter Harmonie mit dem inneren Zustand von Sebastian und Mia stehen. Hier gibt’s alle möglichen Klischees: Feindseligkeit zwischen den Helden, die bald zur Liebe wird, Spaziergänge unter dem Sternenhimmel, unsichere Berührungen im dunklen Kinosaal, Küsse in der alten Straßenbahn, Paris… Aber während des ganzen Anschauens verschwindet nirgendwohin ein Gefühl, dass dahinter mehr steht, dass das nicht nur eine Hommage an die vergangene „goldene“ Epoche ist. Und das Finale bestätigt diesen Eindruck.

Ryan Gosling und Emma Stone wirken perfekt in diesem Film zusammen, als auch in vorherigen gemeinsamen Projekten. Ihre Tanznummern erinnern an Fred Astaire und Ginger Rogers, und die Rede ist keinesfalls von der technischen Meisterleistung, sondern vor dem Einklang der Schauspieler auf dem Bildschirm. Es ist besonders schön, das Schauspiel von Stone zu beobachten, die hier die für sie gewöhnliche harte Manier durch zärtliche Noten ergänzt. Die schöne, inspirierende Musik von Justin Hurwitz, ohne die der Film unvorstellbar ist, wird noch lang nach dem Verlassen des Kinosaals im Ohr bleiben. Mit der fantastischen Arbeit der LichtkünstlerInnen wird das Publikum noch stärker in die Szene mit einbezogen.

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Filmszene. Quelle: http://www.lalaland.movie/

Im 21. Jahrhundert, wenn aktive Entwicklung der Technologien ewige Strebung der Menschheit nach allem neuen nur beschleunigt, stoßen wir immer wieder auf ein Problem: Die Form ändert sich ständig, wird immer bunter und reizender, der Inhalt kommt aber nicht zurecht. Es ist besonders auffällig in der Mediensphäre: Obwohl traditionelle Zeitungen nicht die besten Zeiten erleben, bleiben sie jedoch die Hauptplattforme für investigativen Journalismus und ein der Schlüsselinstrumente der Demokratiegewährleistung, indem sie unproportioniert mehr Artikel zu politischen und sozialen Themen als Online-Medien veröffentlichen. Auch in der Kinematographie merkt man eine gefühlte Krise der Ideen. Natürlich laufen jedes Jahr zahlreiche gute Filme in den Kinos, aber sie erscheinen ganz selten in den Programmen der Megaplexe. Es wird ständig versucht, die ZuschauerInnen mit immer neueren Special Effects zu beeindrucken. Und genau während dieser Zeit hat Damien Chazelle den Film gedreht, der visuell so sehr an alte gute Kinoklassik erinnert, aber gleichzeitig neu an Ideen ist. Dabei läuft er gerade in allen Kinos und gewinnt die Aufmerksamkeit nicht nur der KritikerInnen (7 Golden Globes!), sondern auch der ZuschauerInnen der ganzen Welt. Also vielleicht sollen wir nicht die Traditionalisten aufgeben? Vielleicht werden sie eine echte Revolution machen?

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