Als Hauptkonkurrenten von La La Land für einen Titel des besten Films des Jahres im Oscar-Wettbewerb gelten Moonlight und Manchester by the Sea – ein Low-Budget-Kammerdrama des Regisseurs und Drehbuchautors Kenneth Lonergan. Und obwohl das Budget des ersten Films sogar kleiner als des Zweiten ist ($5 und $8,5 Millionen entsprechend), wurde eine Nominierung von Manchester by the Sea zuerst für Golden Globe und jetzt für Oscar zur echten Überraschung. Dafür gibt es folgende Gründe. Erstens ist es der total leise, schlichte Film ohne einen kleinsten Hinweis auf den Großmaßstab oder die Hastigkeit. Hier gibt es weder Tanzszenen oder Special Effects noch bombastische Monologe der HauptprotagonistInnen, nur eine reine Alltagspoesie. Im Fokus stehen die Erlebnisse und das Leben eines kleinen Menschen. Es gibt auch kein Zeichen der Unnatürlichkeit in den als ob aus unserer Realität abgeschriebenen Dialogen. Wahrscheinlich denkt ihr jetzt: „Oh, alles klar! Dann verbirgt sich hier unbedingt irgendwelcher sozialer Subtext!“ Aber nein! Im Vergleich zu seinem Konkurrenten, in dem sowohl die LGBT-Thematik als auch die Probleme der Rassenungleichheit beleuchtet werden, erhebt Manchester by the Sea überhaupt keinen Anspruch auf die Ideologie oder um so mehr auf die Belehrung der ZuschauerInnen. Das ist einfach der ehrliche, volle der Emotionen Film ohne keine falsche Note.

Manchester by the Sea erzählt eine Geschichte von dem Installateur und Müllmann Lee Chandler, der allein in Boston in einem kleinen spartanischen Zimmer wohnt. Nachdem er eine Nachricht über den Herzinfarkt und dann über den Tod seines älteren Bruders bekommt, kehrt er zum ersten Mal während der langen Zeit nach der Heimatstadt Manchester-by-the-Sea zurück. Im Verlauf einer Vorbereitung für die Grablegung erfährt Lee mit Überraschung, dass der ältere Bruder ihn zum Vormund seines 16-jährigen Sohnes ernannte, der das eigene aktive Leben führt und keine Absicht hat, mit seinem Onkel zusammenzuziehen. Lee kann aber keine inneren Kräfte finden, um in Manchester zu bleiben, wo jeder Schritt ihm an die längst vergangene Tragödie erinnert, die ihn gezwungen hat, sich selbst für den fatalen Fehler der Vergangenheit zu bestrafen und sich von der Welt zu isolieren.

Als auch im Leben liegen die Tränen und das Lachen in Manchester by the Sea  nebeneinander. Obwohl im Fokus des Films das Familiendrama des Hauptprotagonisten und der Tod seines Bruders stehen, gibt es hier erstaunlicherweise mehr lustige als traurige Momente. Diese fast ideale emotionelle Bilanz wurde nicht nur durch das gut geschriebene Drehbuch, sondern auch durch das hochklassige Schauspiel der Besetzung erreicht. Im Blick von Casey Affleck kann man einen tief versteckten, unterdrückten Schmerz lesen, dem aber kein pathetischer Monolog Luft gibt und der allmählich während des Films auch nicht verschwindet. Für diese Rolle wurde der Schauspieler zum ersten Mal für Oscar nominiert. Sein Neffe Patrick (gespielt von noch einem diesjährigen Nominierten Lucas Hedges) wirkt als ein emotionelles Gegengewicht von Lee: Zu seinen Hauptinteressen gehören das Hockey, die Rockgruppe, das geerbte Motorboot und die Beziehungen mit zwei Mädels gleichzeitig. Tatsächlich sind die meisten lustigen Situationen im Film mit den Problemen von Patrick verbunden. Eine kleine, aber wichtige Rolle wird von Michelle Williams gespielt: Dafür hat sie schon ihre vierte Oscar-Nominierung erhalten.

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Lucas Hedges, Casey Affleck und Kenneth Lonergan auf dem Filmset. Foto: Claire Folger 

Trotz der zahlreichen positiven Eigenschaften macht Manchester by the Sea einen gemischten Eindruck. Auf den ersten Blick erinnert es an einen der besten Filme des Jahres 2016 – ein Meisterwerk von Jim Jarmusch Paterson: Die beiden erzählen von einem kleinen Menschen, romantisieren das Alltagsleben und haben keinen offensichtlichen moralischen oder ideologischen Inhalt. Wobei Paterson sehr ganzheitlich aussieht, die klaren Höhepunkt und Finale hat, geht es in Manchester by the Sea um das Ungesagte und Unvergessene. Deswegen endet dieser Film so plötzlich, wie ein von diesen unangenehmen Gesprächen, wenn alle ein Zimmer verlassen, ohne eigenen Schmerz endlich auszudrücken. Dieser Film bietet keine Erleichterung und keine Chance, wieder zu beginnen, weder für den Hauptprotagonisten noch für die ZuschauerInnen. Und diese Eigenschaft kann gleichzeitig für einen Vorteil und einen Nachteil gehalten werden. Es ist auch unmöglich, eine ziemlich seltsame Musikauswahl in Manchester by the Sea nicht zu kommentieren: Die einfachen realistischen Dialoge, Alltagsszenen und Landschaften der kleinen Stadt wechseln sich mit Adagio g-Moll von Giazotto und Messiah von Händel, die zum Film ein unmotiviertes Pathos hinzufügen.

Manchester by the Sea wird in sechs Kategorien für Oscar nominiert. Die besten Gewinnchancen hat Casey Affleck, obwohl seine Konkurrenten auch nicht so einfach aufgeben werden, vor allem Andrew Garfield (Hacksaw Ridge) und Viggo Mortensen (Captain Fantastic). Wahrscheinlich bekommt Kenneth Lonergan keine vergoldete Statuette für die Regie, indem er mit Damien Chazelle (La La Land) und Barry Jenkins (Moonlight) im Wettbewerb steht, aber er könnte jedoch die für das beste Originaldrehbuch nach Hause mitnehmen, obwohl Chazelle auch in dieser Nomination die großen Chancen hat. Oscar in der Hauptkategorie ist für Manchester by the Sea unwahrscheinlich: Obwohl der Film von den KritikerInnen sehr hoch bewertet wurde, gibt es hier keinen großen Maßstab und ideologischen Inhalt – unvermeidbare Eigenschaften der Oscar-Preisträger. Aber die Nomination allein ist in diesem Fall ein sehr positives Phänomen, da die AkademikerInnen gewöhnlich das unabhängige Kino ungerecht ignorieren.

6 Oscar-Nominierungen: Bester Film, Beste Regie (Kenneth Lonergan), Bestes Originaldrehbuch (Kenneth Lonergan), Bester Hauptdarsteller (Casey Affleck), Bester Nebendarsteller (Lucas Hedges) und Beste Nebendarstellerin (Michelle Williams)   

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